KI kann alles. Oder?

Verehrte Leserin,
verehrter Leser,

es gibt Tage, da habe ich das Gefühl, die Immobilienbranche stehe kurz vor der digitalen Erleuchtung. Alle reden nur noch von und über KI – und jeder zweite Asset Manager scheint über Nacht zum „Prompt Engineer“ geworden zu sein. Doch wer ein bisschen genauer schaut, merkt schnell: Die Künstliche Intelligenz ist tatsächlich in vielen Bereichen Alltag geworden – nur eben anders, als viele dachten.

Während die ganz großen Tech-Versprechen nach wie vor in beindruckenden Keynotes postuliert werden, läuft die Standard-KI bei vielen von uns bereits auf Hochtouren. Sie schreibt Reports, vergleicht Energieverbräuche, identifiziert Anomalien in Betriebskostenabrechnungen, generiert Marketingtexte (leider nur sehr generisch) und sortiert Mietverträge in Sekunden. Sie ist zuverlässig, unermüdlich – und sie hat keinen Urlaub. Toll, oder?

Doch wie in jedem guten Unternehmen stellt sich auch hier die essentielle Frage: Wie passt sie (die KI) eigentlich ins Team? Wer ihr blind vertraut, bekommt schnell Probleme – denn KI kann (noch) nur, was man ihr beibringt. Sie ist brillant im Erkennen von Mustern, aber schwach im Verstehen von Zwischentönen. Sie erkennt den Leerstand, aber nicht die Stimmung des Mieters. Sie optimiert Prozesse, aber keine Beziehungen.

Gerade in der institutionellen Immobilienwelt wird das spürbar: Algorithmen helfen, Daten zu interpretieren – aber sie ersetzen nicht unsere menschliche Erfahrung. Die Frage, ob ein Mieter „passt“ oder ein Projekt kommunikativ funktioniert, bleibt (zumindest vorerst) eine menschliche Domäne. Zwischen Zahlenkolonnen und Zwischentönen braucht es Empathie, Marktgefühl und, ja, manchmal auch den „Bauch“. Das bedeutet für die Zukunft: KI verändert weniger unsere Arbeit an sich, sondern unsere Haltung zur Arbeit. Wir werden künftig zu Kuratoren künstlicher Intelligenz – zu Übersetzern zwischen Maschine und Mensch.

Der künftige Erfolg hängt also – höchstwahrscheinlich – davon ab, genau zu wissen, wann man besser selber denkt.

Bis zur nächsten Ausgabe und bleiben Sie gesund!

Ihr Stefan Stüdemann

Die IMHO! | Eine Kolumne von Stefan Stüdemann

Die IMHO! Eine Kolumne von Stefan Stüdemann erscheint regelmäßig im FondsForumMagazin. Das monatliche Fachmagazin für die institutionelle Immobilienwirtschaft erhalten Sie kostenfrei über die Website des FondsForum.

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