Offiziell Office – inoffiziell individuell

Verehrte Leserin,
verehrter Leser,

hinter der diesmal etwas sperrigen Headline verbirgt sich die Feststellung, dass sich der deutsche Büromarkt mitten in einer paradoxen Situation befindet: Während Spitzenlagen und ESG-konforme Neubauten gefragt sind, türmen sich in vielen Bestandsimmobilien die (leerstehenden) Quadratmeter. Die Leerstandsquoten in den Big-7 Städten kratzen derzeit an der Acht-Prozent-Marke – und doch reden wir nicht von „zu vielen Büros“, sondern von „zu vielen falschen“.

Doch warum ist das so? Hybrid Work ist längst Normalität. Wer ins Büro kommt, will Qualität, Flexibilität, Aufenthaltsqualität. Damit geraten veraltete Flächen unter Druck – und entwickeln sich vom einst stolzen Asset zum Sorgenkind. Doch genau hier liegt die Chance: Leerstand ist kein totes Kapital, wenn man ihn als das betrachtet, was er ist bzw. auch sein kann: Rohstoff für Neues. Aus Büroräumen werden Babyzimmer, aus Konferenzräumen Klassenzimmer und aus öden Arbeitsrevieren urbane Quartiere.

Natürlich: Konversionen sind kein Spaziergang. Wer jemals versucht hat, ein 70er-Jahre-Büro in Wohnraum zu verwandeln, weiß, was Statik, Belichtung, Brandschutz und Genehmigungsdschungel bedeuten. Nicht jedes Büro taugt zum Loft – und mancher Architekt träumt noch, während der Statiker schon Albträume hat. Aber die Richtung stimmt: Ohne mutige Umnutzungen werden wir weder den Leerstand abbauen, noch den Wohnungsbedarf lindern und erst recht nicht die ESG-Ziele erreichen.

Und hier ist der Punkt, an dem Verwaltung wie Investoren, Kommunen wie Planer den Schulterschluss vollführen sollten. Denn gelungene Konversionen bieten nicht nur bauliche, sondern auch kommunikative Chancen: ob ein Projekt als „gescheitertes Büro“ oder als „neues Quartier für die Stadt“ wahrgenommen wird, hängt maßgeblich von dessen Story ab. In Wahrheit sind solche Projekte zu 50 % erfolgreiche Realisierung und zu 50 % gelungene Kommunikation.

Vielleicht ist die taumelnde Assetklasse somit weniger eine Krise, denn ein willkommener Denkanstoß. Sehen wir sie doch im positiven Sinne als einen Katalysator für die Stadt von morgen. Oder, ganz offiziell: Make Office great again! Auch wenn es am Ende gar kein Office mehr ist.

Bis zur nächsten Ausgabe und bleiben Sie gesund!

Ihr Stefan Stüdemann

Die IMHO! | Eine Kolumne von Stefan Stüdemann

Die IMHO! Eine Kolumne von Stefan Stüdemann erscheint regelmäßig im FondsForumMagazin. Das monatliche Fachmagazin für die institutionelle Immobilienwirtschaft erhalten Sie kostenfrei über die Website des FondsForum.

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