Big in Japan
Verehrte Leserin,
verehrter Leser,
stellen Sie sich vor, Sie steigen am Bahnhof Shin-Osaka aus dem Shinkansen und folgen der Menge zur Rolltreppe. Wie überall in Japan stellen Sie sich instinktiv nach links; und werden zum Hindernis. In Osaka, und wirklich nur hier, steht man rechts und geht links. Die Legende sagt, das gehe auf die Weltausstellung 1970 zurück: so viele westliche Besucher, dass Osaka sich anpasste. Der Rest des Landes hat's nie mitgemacht. Osaka blieb dabei. Und ist ein bisschen stolz darauf, es anders zu machen.
Das ist der Charakter der Stadt in einem kleinen Alltagsdetail: Osaka macht Sachen anders und weiß das auch. Ich war im vergangenen Jahr mit einem kleinen Team dort, um mir die Expo 2025 anzuschauen. Yumeshima, künstliche Insel, dazwischen der Grand Ring – zwei Kilometer Holzarchitektur, zwanzig Meter hoch, die größte Holzkonstruktion der Welt. Beeindruckt hat mich am Ende nicht die Ingenieurleistung, so respekteinflößend sie auch ist. Es war die Grundstimmung überall in der Stadt. In den Schlangen wurde geredet, gelacht, weitergerückt. Kein Genörgel. Anfangs hatte die Presse die Expo zerredet: Budget, Tickets, Realitätssinn. Am Ende kamen zweistellige Millionen Besucher. Die Stadt war stolz. Das Land war stolz.
Wir hingegen führen zurzeit lieber Grundsatzdebatten. Über das Warum. Über das Ob. Seltener über das Wie. Wir tragen die Miene wichtiger Menschen, die die Welt zwar nicht (mehr) verstehen, aber immerhin genau wissen, warum das alles nichts werden kann. Wenn im APAC-Raum jemand einen Fonds für Japanese Multifamily auflegt, für Australian PBSA oder für Logistik in Singapur, dann tut er das, weil er glaubt, dass etwas wächst. Wenn wir hier einen Fonds auflegen, glauben wir vor allem, dass er nicht schrumpft.
Das ist ein Unterschied.
Berlin bewirbt sich gerade für die Weltausstellung 2035. Ich unterstütze das nicht aus Nostalgie, sondern aus Überzeugung. Es geht nicht darum, ob wir eine große Bühne bespielen können. Es geht darum, ob wir uns überhaupt noch trauen, eine große Bühne zu bauen.
Vielleicht ist es ja so: Wir bauen mit Immobilien mehr als nur Quadratmeter. Vielleicht bauen wir ja Stimmungen.
Bis zur nächsten Ausgabe und bleiben Sie gesund!
Ihr Stefan Stüdemann
Die IMHO! | Eine Kolumne von Stefan Stüdemann
Die IMHO! Eine Kolumne von Stefan Stüdemann erscheint regelmäßig im FondsForumMagazin. Das monatliche Fachmagazin für die institutionelle Immobilienwirtschaft erhalten Sie kostenfrei über die Website des FondsForum.
